Predig am 19. Jänner 2025 in der Erlöserkirche

 

PREDIGTTEXT – RÖMER 12,9-16:

„Die Liebe sei ohne Heuchelei! Das Böse wollen wir verabscheuen, dem Guten hangen wir an. In geschwisterlicher Liebe sind wir einander zugetan, in gegenseitiger Achtung kommen wir einander zuvor. In der Hingabe zögern wir nicht, im Geist brennen wir, dem Herrn dienen wir. In der Hoffnung freuen wir uns, in der Bedrängnis üben wir Geduld, am Gebet halten wir fest. Um die Nöte der Heiligen kümmern wir uns, von der Gastfreundschaft lassen wir nicht ab.

Segnet, die euch verfolgen, segnet sie und verflucht sie nicht! Freuen wollen wir uns mit den Fröhlichen und weinen mit den Weinenden. Seid allen gegenüber gleich gesinnt; richtet euren Sinn nicht auf Hohes, seid vielmehr den Geringen zugetan. Haltet euch nicht selbst für klug!

 

PREDIGT

Liebe Gemeinde,

Forderungskatalog – das war das erste, was mir eingefallen ist. Zu diesen Versen aus dem Römerbrief.

Und das ist doch eigentlich recht verwunderlich – denn Paulus schreibt hier an eine Gemeinde, die er nicht persönlich kennt und die ihn vielleicht auch noch nicht so gut kennt. An Christinnen und Christen, die nicht durch sein Wirken zum Glauben gekommen sind und deren Stil und Frömmigkeit er nicht gut kennen kann.

Ein Vorstellungsbrief ist das, oder eine Vorstellungspredigt – und weil ich diese Situation selber kenne, kann ich bestätigen, da kommt man normalerweise nicht mit so einer Forderungsliste daher.

Zugegeben, in der eben gehörten Fassung der Zürcher Bibel ist das ein bisschen abgemildert, weil Paulus sich selber gewissermaßen inkludiert und „wir“ schreibt, „wir“ tun dieses und jenes, leben so und so. In der Übersetzung der Lutherbibel klingt’s noch mehr nach Forderung und Aufgabe, denn da steht „ihr“ – also „dient dem Herrn“, „übt Gastfreundschaft“.

Wenn wir von dergleichen Forderungen, Vorgaben, Vorschriften hören, da machen wir als moderne, liberale Menschen wohl erst einmal zu. Wir wollen uns eigentlich nichts vorschreiben lassen, auch wenn es freundlich und inhaltlich ja vernünftig daher kommt.

Dabei übersieht man leicht, dass Vorgaben ein wesentlicher Teil unseres Glaubens sind und Paulus hier letztlich auf etwas aufbaut, wenn er Verhaltensweisen und Handlungsformen vorschreibt.

Das Fundament – Gottes gutes Gebot

Schließlich ist doch ein zentraler Teil des sogenannten Alten Testaments eine Sammlung von Gesetzen – von Geboten und Verboten. Und aus diesen ragen die „10 Gebote“ noch einmal hervor, als unbedingte Grundlage, als nichtverhandelbares Fundament des jüdischen wie des christlichen Glaubens (deswegen muss man sie gleichwohl nicht zwingend überall hinstellen, wie in den USA).

Wenn man so will, dann baut Paulus, wenn er, wie hier, den frühchristlichen Gemeinden derartige Forderungen vorlegt, darauf auf, dass auf dem Grundstein von Dekalog und Gesetz bereits ein Verständnis dafür gegeben war, dass Glaube und Zusammenleben nicht nur pragmatisch oder situativ, sondern letztlich von Gott geregelt und bestimmt ist.

Diese Gabe des Gesetzes und der Gebote – das ist ja auch keine Gängelaktion Gottes, keine Maßregelung und kein Beharren auf kleinlichen Spitzfindigkeiten.

Gesetz und Gebot sollen zum Leben helfen – untereinander und gegenüber Gott. Klarheit schaffen und Freiheit erfahrbar machen.

Sie sind Gottes gute Gabe an sein Volk. Als Teil der Befreiungstat Gottes – die für die Israeliten in Ägypten beginnt und auch heute immer wieder neu geschieht.

Das Halten der Gebote – oder zumindest der Versuch – ist dann nicht ein Akt der Furcht oder der kriecherischen Unterordnung, sondern der Dankbarkeit und der Freude über eben diese Befreiung.

So kann Johannes Calvin in der Institutio schreiben, das Gesetz führt dazu, „dass sein Volk von der elenden Knechtschaft dazu frei geworden ist, dass es nun seinen Befreier in freudiger Bereitschaft gehorsam verehre“ (Institutio II 8,15).

Die Gebote als Zeichen der Liebe Gottes, das Halten dieser als Akt der Dankbarkeit.

Christlich weiterbauen

Darauf baut Paulus auf. Hier setzt er an, wenn er den Römern diese Zeilen schreibt.

Auf dem Fundament, den das Gesetz gelegt hat – auf der Grundlage, von der weg er selber lebt und nachdenkt, die aber immer und bis heute zugrunde liegt.

Die Forderungen – sie sind eben das nicht, sondern es sind Angebote, Vorschläge für ein christliches Leben. Besonders in der Gemeinschaft, in der Gemeinde.

Ein ergänzendes Angebot zu den Geboten des alten Bundes – keine Überschreibung oder Korrektur. Eine Ergänzung oder Erweiterung im Hinblick auf neue Situationen. Neue Gemeinde, in denen neben Jüdinnen und Juden eben auch viele Mitglieder mit heidnischem Hintergrund sind.

Ein neues, upgedatetes Nachdenken über das gemeinsame Leben, über das Leben als Christen finden wir hier.

Die einzelnen Inhalte, die ebenso als Forderungen daherkommen und so vorschriftsmäßig klingen, die sind der Versuch, weiterzubauen.

Am Gebäude eines christlichen Ethos – könnte man hochtrabend sagen.

Oder praktischer: An Lebenshinweisen, die für die gemeinsame Existenz in einer neuen Gemeinde taugen und dabei den zentralen Kern, die wesentlichen Inhalte christlichen Lebens und Glaubens beinhalten.

Das Dach der Liebe

Dabei ragt ein Punkt heraus, ich möchte ihn nochmal vorlesen. Ganz am Anfang unseres Abschnittes heißt es: „Die Liebe sei ohne Heuchelei“ und dann: „In geschwisterlicher Liebe sind wir einander zugetan“

Die Liebe, die geschwisterliche Liebe vielmehr (φιλαδελφίᾳ) ist sozusagen die Überschrift dieser Haltungen, die Paulus hier proklamiert.

Sie steht über allem und ist Ausgangspunkt für alle weiteren Aspekte – unabdingbares Erkennungszeichen und Wesensmerkmal christlicher Gemeinde: in den paulinischen Gründungen, in der Gemeinde von Rom und eigentlich sollte sie es bis heute an allen Orten sein, wo Christinnen und Christen zusammenkommen.

Diese Liebe ist das, was unbedingt sein muss, den anderen Dingen erst ihren Gehalt gibt, sie erst zu etwas Relevantem macht.

Von der Liebe her und zur Liebe hin denkt Paulus hier diese ethischen Ratschläge für die Römer.

Von der Liebe her und zur Liebe hin ist auch schon das Gesetz des Alten Testaments gedacht, das ist also nichts, was erst erfunden werden musste: „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft.“ (Dtn 6,5) heißt es im „Höre Israel“.

Wo die Liebe wirkt, wo ihr Raum gegeben wird, da wird es einer Gemeinschaft, einer Gemeinde, einer Kirche wohlergehen.

Gemeinsam bauen

Die „geschwisterliche Liebe“ untereinander ist der Ausgangspunkt. Aber es endet hier nicht – vielmehr zählt Paulus noch weitere Werte, Haltungen und Handlungen auf, die als Säulen oder als Wände einer funktionierenden Gemeinde nötig sind und gut tun.

Von Hingabe ist da die Rede, von gegenseitiger Achtung, vom Gebet, vom Ausharren in Bedrängnis, von Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft.

Daneben gleiche Behandlung aller und keine Selbstüberschätzung.

Besonders wichtig aber, glaube ich, ist die empathische Anteilnahme: „Freuen mit den Fröhlichen“, „Weinen mit den Weinenden“ – besonders, weil das auch für uns, heute, so viele Jahrhunderte später, anschlussfähig ist.

All diese Dinge, diese Handlungsanweisungen, sind letztlich Angebote, Für eine gute, gesegnete, funktionierende und tragfähige Gemeinschaft.

Gewiss, manches ist zeitgebunden, entspricht nicht immer und überall.

Aber das meiste, so meine ich doch, ist allgemeingültig.

Und das gilt wohl besonders für die Aufforderung zur Empathie. Zum Miteinanderleben, in dem Sinne, dass am Schicksal der Anderen Anteil genommen wird.

Gemeinde, das ist keine Ansammlung von Individuen und Singulärpersonen, das ist eine Gemeinschaft – miteinander und füreinander, auch wenn das nicht immer nur einfach ist.

Das Angebot, dass Paulus hier macht – sein Bauplan für eine Gemeinde, sein Bauplan für ein gelingendes christliches Leben – ein „Leben in Fülle“ – gilt auch für uns heute.

Wir können uns davon inspirieren lassen, es als vorbildhafte Beschreibung verstehen, versuchen, dem nachzueifern.

Wir sollten es nicht als Forderungskatalog verstehen, als Abhakliste oder als aufgezwungene Ordnung.

Nein, denn letztendendes sind diese Verse Ausdruck des guten Willens Gottes für. Seines guten Willens für uns in seiner Kirche, seinen Gemeinden.

So wie die Gabe der Gebote, so wie die Ratschläge und Hinweise im Buch der Sprüche und an anderen Orten.

Gott will doch, dass es uns gut geht. Und dafür gibt er uns das Handwerkszeug, das Bauzeug an die Hand. Gibt uns das, was wir für eine gelingende Existenz, ein gelingendes Leben brauchen.

Bedienen wir uns doch daran!

Damit auch wir dankbar einstimmen und sagen können: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“.

Amen

PAK Leopold Potyka